"Heimatschatz": Türkisches Gedicht

 

Türkisches Gedicht im Jurahaus als „Heimatschatz“

Jurahausverein erhält weitere Auszeichnung

„Welche Schätze schlummern in Bayerns nichtstaatlichen Museen? Welche Zeugen der Vergangenheit warten darauf, ihre einzigartigen Geschichten zu erzählen, von besonderen Momenten und weichenstellenden Entscheidungen?“

Mit dieser Fragestellung lobten das Bayerische Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat und das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst im Frühjahr dieses Jahres einen Wettbewerb der Nichtstaatlichen Museen in Bayern für 100 „Heimatschätze“ aus. Regionaltypische Kleinode, die mit besonderen Bezügen zur bayerischen Heimat verbunden sind, wurden gesucht. „Welche ungewöhnlichen, erstaunlichen, lustigen oder tragischen Geschichten stecken hinter diesen Museumsexponaten und warten darauf, einer breiten Öffentlichkeit erzählt zu werden?“ fragte die Ausschreibung und präzisierte: „Mitunter ist es nicht das Glanzstück der Ausstellung, das die Geschichte vor Ort entscheidend geprägt hat, sondern der scheinbar unattraktive Gegenstand am Rande, … regionaltypische Museumskleinode, die Heimat verkörpern und spannende, originelle, außergewöhnliche, aber stets belegbare Geschichten erzählen.“

Der Jurahausverein bewarb sich mit einem Objekt aus der jüngeren Geschichte des rund 350 Jahre alten Handwerkerhauses, das der Verein instandgesetzt hat und das nun das Museum Das Jurahaus beherbergt: einem türkischen Gedicht.

Das Jurahaus befand sich im Eigentum der Stadt Eichstätt und war einige Jahre als städtische Notunterkunft vermietet. Während der Sanierungsarbeiten durch den Jurahausverein kam in einem der künftigen Ausstellungräume ein Gedicht zum Vorschein, das in türkischer Sprache auf die Raufasertapete an die Wand geschrieben war: „Hoffnungsschimmer“ heißt es in der deutschen Übersetzung. Es zeigt das Lebensgefühl eines Menschen, der sich als gestrandet erlebt, in einer Situation, in der er sich weder zu Hause fühlt noch sich als selbstwirksam wahrnehmen kann, untergebracht in einem ungepflegten Haus mit minimalster Ausstattung.

„Im Herbst 2017 tauchte der Autor des Gedichts in unserem Museum auf“, erzählt Eva Martiny, die Vorsitzende des Jurahausvereins. Er lebe immer noch in Eichstätt, nicht weit vom Museum entfernt.

„Er berichtete ein wenig von den damaligen Lebensbedingungen: Er war 17 Jahre alt, sprach kein Deutsch, und war mit den Eltern nach Deutschland gekommen. Diese wohnten im Nebenraum, der heutigen „bunten Stube“, der nur wenig größer war als "sein" Zimmer, in dem er das Gedicht 1992 an die Wand schrieb. Das Haus hatte nur ein Bad mit einer Toilette, oft waren die 4-5 Zimmer von unterschiedlichen und wechselnden Parteien belegt. Zum Zeitpunkt seines Aufenthalts dort waren zwei weitere Familien untergebracht.

Wir bewahrten das Gedicht sorgfältig vor Beschädigungen während der Bauzeit, ließen es von einem Mutterprachler übersetzen und integrierten es in unsere Ausstellung. Es ist mit einer Plexiglastafel geschützt, auf die die deutsche Übersetzung aufgedruckt ist“, so Eva Martiny. „Es ist Teil der Bewohnergeschichte, die wir dank der Archivarbeit von Helmut Reis aus der Nachbarschaft unseres Museums bis 1748 zurückverfolgen können.“

Über das Audiosystem, das der Jurahausverein mittlerweile im Museum installiert hat, ist das Gedicht in der melodischen Originalsprache zu hören, von einem Muttersprachler vorgelesen.

All das hat die Jury aus den beiden bayerischen Staatsministerien offenbar überzeugt. „Ihr Objekt „Türkisches Gedicht im Jurahaus“ wurde von der Fachjury als Heimatschatz ausgewählt,“ teilten Finanzminister Albert Füracker und Kultusministerin Marion Kiechle nun dem Jurahausverein mit. Am 13. Juli 2018 erfolgte die Prämierung in der Münchener Residenz.

Alle hundert „Heimatschätze“ – entsprechend dem diesjährigen Jubiläum 100 Jahre Bayern - sind auf der Internetseite www.heimat.bayern/heimatschaetze zu finden.

Wenig vorher, am 3. Juli, erhält der Verein für seine Aktivitäten zum Erhalt der Jurahäuser in einem offiziellen Festakt die Urkunde für das Immaterielle Kulturerbe Bayerns. Für die Bundesliste wurde „Der Erhalt der Jurahäuser – Traditionelle Baukultur im Altmühljura“ bereits vom ehemaligen Kultusminister Ludwig Spaenle gemeldet. Über die Aufnahme ins Bundesverzeichnis wird im Herbst entschieden.

 

 

 

Foto: Staatsministerium für Finanzen, Landesentwicklung und Heimat