Beratung und Information
   Der Bauberater

    Bauen im nördlichen Oberbayern Altmühlgebiet - Jura-Haus

Das weite Flachland des Flußbeckens der Donau trennt den kargen, landschaftlich reizvollen Jura von dem sanften und fruchtbaren Hügelland Altbayerns zwischen Donau und Isar. Während uns im südlichen Oberbayern das liebliche seen- und moorreiche Voralpenland und die Berge anziehen, tragen hier die oft noch sehr naturnahen Tallandschaften der kleineren Flüsse und Bachläufe zur Belebung der Landschaft bei.

Die landwirtschaftlichen Bauten beherrschten unsere Ortsbilder. So einfach und zweckmäßig die Gahöfte für das Wirtschaften angelegt wurden, so ansprechend sind die Bauten für das Auge gestaltet. Die heute noch vielerorts erhaltene alte Bausubstanz zeugt von einer hohen bäuerlichen Baukultur.

Neben den Anforderungen, die Geländeform und Klima an das Bauen stellten, beeinflußte vor allem hier der Baustoff mit seinen konstruktiven Möglichkeiten die Bauweise. Es entstanden die Häuser des Altmühl-Jura-Gebietes mit ihren sie kennzeichnenden Dächern aus Kalksteinplatten.


Die einheitlichen Merkmale der Jura-Häuser sind:

1. Der Baukörper:
Der einfache, rechteckige Baukörper steht meist mit dem Giebel zur Straße.
Der meist gebaute Haustyp ist das sogenannte Wohn-Stallhaus, dessen Eingang ursprünglich immer auf der Giebelseite lag.

2. Das Dach:
Die Dächer sind mit den dünnen Kalkplatten des Jura gedeckt. Die nur lose aufgelegten Platten, mit einer Deckungsstärke von 10 bis 15 cm bestimmen das Aussehen und vor allem die Dachneigung, die 30° nicht überschreiten darf, um das Abrutschen der Platten zu verhindern. Das sogenannte Vierteldach - die Höhe des Giebeldreiecks entspricht 1/4 der Giebelbreite - hat 27° Dachneigung. Die Dachdeckung steht am Giebel nur wenig über. Auch an der Traufe hat das Dach nur eine knappe Ausladung. Lediglich die nach fränkischer Art in Fachwerk ausgeführten Häuser haben etwas überstehende Dächer. Das schwere Dachgewicht von 250 bis 375 kg/m² erfordert einen starken Dachstuhl, der als Pfettendach und meist mit Kniestock ausgeführt ist.

3. Die Wand:
In den hell getünchten, fast immer durch Bänder gegliederte Mauerflächen sitzen kleine, unregelmäßig angeordnete Fenster. Nur im Giebeldreieck wird die Symmetrie eingehalten. Die 50 - 100 cm dicken Mauern sind aus dem kalkgestein der Umgebung. Wie eine lebendige Haut überzieht der ohne Putzleisten frei aufgetragene und einfach geglättete Verputz aus Sumpfkalkmörtel die Wandflächen. Es gibt keinen Sokkelvorsprung, der Putz ist ohne Absatz bis zum Erdboden herabgeführt.
Es gibt in unserem Landkreis noch etliche Gemeinden, die im Kern das herkömmliche Dorfbild in der typischen Jurabauweise bewahrt haben. Für das heutige Bauen können diese in ihrer Gestaltung zeitlos gültigen Bauformen als Vorbilder dienen und richtungsweisend sein.


Neue Häuser im Altmühlgebiet
An den Beispielen alter Bauten wurde das Typische der Jura-Bauweise erläutert:
  • Der rechteckige, fast quadratische, geschlossene Baukörper,
  • die Bauweise der Wand und des Daches aus Kalkstein,
  • der hohe Kniestock,
  • das flache Steindach, das keine Dachaufbauten erlaubt,
  • die "Lochfassade" mit vorherrschender Wandfläche und kleinen quadratischen Fenstern.
Wie die Beispiele hier zeigen, gelingt es durchaus, moderne Wohnvorstellungen und zeitgemäße Formensprache mit den überlieferten Grundregeln der ortstypischen Bauweise zu verbinden.
Diese Häuser weisen sowohl einen zeitgerechten Standard als auch neue Baustoffe auf, fügen sich aber aufgrund ihrer Klarheit, ihres Maßstabes, ihrer Proportion sowie Dachgestaltung gut in die Umgebung ein.


Hinweise und Beispiele für besseres Bauen im Altmühltal
Der Baukörper
Es gelten für das Jura-Haus die gleichen Grundregeln wie für das Steil-Dach-Haus. Daneben ist aber noch zu beachten, dass die Jura-Häuser andere Proportionen von Mauerwerk zu Dach aufweisen. War das Steildach-Haus mit einem hohen Mauerwerkskörper und einem niedrigen Dach ausgestattet.
Der Grundriß gleicht einem kurzen Rechteck, durch die breiten Giebel wirkt der Baukörper gedrungen und schwer. Diese Proportionen erlauben es auch, bei hängigem Gelände das Gebäude senkrecht zum Hang zu stellen.

Die Anbauten und Nebenbebäude
Anbauten und Nebengebäude ordnen sich auch hier deutlich unter. Das Prinzip der "konstruktiven Trennung" ist beim Jura-Haus strenger als beim Steil-Dach-Haus zu beachten. Der in sich ruhende, breit lagernde Baukörper verträgt keine Vor- und Rücksprünge. Die Kanten des Gebäudes müssen klar durchlaufen.
Die unten gezeigte Lösung eines Wintergartens an der Giebelseite verwischt nicht die Konturen des Baukörpers, sondern setzt sie klar und konsequent fort. Das Haupthaus wird zwar langgestreckt, bleibt aber geschlossen.
Der Balkon ist hier, getrennt vom Baukörper, als selbständige Holzkonstruktion vor den Giebel gestellt. Geländer und Tragwerk sind leicht und durchlässig, sie verändern daher die Proportionen des Giebels nicht. Der Balkon selbst wirkt luftig und nicht "kistenartig".
Die Garage kann auch traufseitig angebaut werden. Wenn dabei die Trauflinie nicht unterbrochen wird, bleibt der Hauptbaukörper klar erkennbar.
Erker sind auch hier nur vorsichtig zu verwenden. Sie sollten möglichst flach ausladen und sich dem breiten Giebel oder der Traufseite unbedingt unterordnen. Sie sind nur Akzent und nicht Dominante der Fassade.

Das Dach
Die flache Dachneigung läßt keine Dachgauben zu. Hier können Zwerchgiebel Raum dür das Dachgeschoß und die notwendigen Voraussetzungen für die Belichtiung schaffen. Der hoho Kniestock ermöglicht auch hier die Ausbildung eines Vollgeschosses.
Wichtig dabei ist aber vor allem der Verzicht auf volle Stockwerkshöhe an der Traufe. Dadurch behält der Baukörper seine ortstypische Proportieon und seine unvergleichliche Stattlichkeit.

Die Dachdeckung
Ein wesentliches Gestaltungsmerkmal bildet die traditionelle Kalkplatten-deckung der Häuser im Altmühltal. Die mit silbergrauen Tegalitplatten auf Lattung gedeckten Dachflächen kommen jedoch in Farbe und Struktur der Kalkschieferdeckung sehr nahe.


Quelle: Der Bauberater

Herausgeber: Bayer. Landesverein für Heimatpflege e.V.

Verfasser: Regierung von Oberbayern -Dipl.-Ing. Petra Gräßel, Bauoberrätin
- Dipl.-Ing. Arch. Werner Dilg, Abteilungsdirektor

Zeichnungen: Dipl.-Ing. Petra Gräßel, Bauoberrätin

Fotos: Bayer. Landesverein für Heimatpflege e.V. -Dipl.-Ing. Arch. Thomas Lauer
Landratsamt Eichstätt, -Dipl.-Ing.(FH) Adolf Eckl, Kreisbaumeister
- Dipl.-Ing.(FH) Arch. Sebastian Schiebel, Kreisbaumeister
Stadt Eichstätt, -Dipl.-Ing. Arch. Andreas Mühlbauer, Stadtbaumeister

Literaturquellen: Der Bauberater, Bayer Landesverein f. Heimatpflege e.V. Jahrgang 1985-1992
Schönere Heimat, Bayer. Landesverein f. Heimatpflege e.V. Sonderheft 7/1989

Herstellung:Druck: Alfred Aurmaier GmbH, Grünwalder Weg 10, 82008 Unterhaching
Satz/Litho: Royal Media Publishing GmbH, Haidgraben 1b, 85521 Ottobrunn